Der ganz alltägliche Schulwahnsinn

Sehr geehrter Politiker,

in Gemünden herrscht momentan Ausnahmezustand! An meiner Schule vergeht kein Tag, an dem nicht über deren Zukunft spekuliert und debattiert wird. Ich möchte Sie an dieser Stelle nicht mit Zahlen langweilen, die Sie sowieso kennen (oder kennen sollten), sondern möchte ihnen die Situation aus einem anderen Blickwinkel betrachten lassen, in dem ich Ihnen von meinem Schulalltag erzähle.

Zu meiner Person: Ich bin 17 Jahre alt, wohne in Adelsberg und besuche die 12. Klasse des FLG. Seit acht Jahren fahre ich jeden Morgen gegen halb acht mit dem Bus nach Gemünden. Das funktioniert seit Jahren wunderbar und ist wesentlich kürzer und angenehmer als Beispielsweise nach Karlstadt zu fahren. Auf meinem Schulweg komme ich auch am MBW vorbei. Wäre ich dort an der Schule, wäre mein Schulweg zwar noch kürzer, was aber aufgrund des ohnehin kurzen Weges kaum ins Gewicht fällt. Von diesem (vermeintlichen) Gewinn würden allerdings die wenigsten Schüler tatsächlich profitieren, denn von den rund 70 Schülerinnen und Schülern aus meiner Jahrgangsstufe benutzen nur ganze 2 Schüler diesen Bus. Das Gros der Schüler reist mit Bus oder Bahn am Gemündener Bahnhof an, der praktischerweise keine fünf Gehminuten vom FLG und der staatlichen Realschule entfernt liegt.

Dort angekommen beginnt pünktlich der Unterricht. Noch schnell das Handy abgeschaltet, bevor es ins Klassenzimmer geht. Ein flüchtiger Blick durch die Räumlichkeiten genügt, um festzustellen, dass dort schon seit geraumer Zeit, im Gegensatz zu all den anderen Schulen im Landkreis, kein Geld mehr in die Hand genommen wurde. Warum? wird sich der aufmerksame Schüler jetzt fragen. Ist es dem Staat die Bildung und somit die Zukunft der Kinder (die ja eh schon die Zukunft sind, also Zukunft²?) nicht wert? Oder muss die ohnehin sterbende Stadt Gemünden in einer Form modernen Darwinismus (nur die starken Schulen dürfen überleben) jetzt als Opfer für Einsparungsmaßnahmen hinhalten? Bevor ich darauf eine ehrliche Antwort bekomme, werden vermutlich schon meine Kinder ihr Abitur haben. Die Frage, die bleibt ist: Wo?

So, genug der Biologie, kommen wir zur Physik. Dieses Fach wird am FLG sehr authentisch unterrichtet, denn die meisten Apparaturen des Schulinventars sind so alt wie die Physiker selbst, die sie erfanden. Wenn man nur lange genug sucht, findet man womöglich sogar den Apfel, der Newton einst die durchschlagende Erkenntnis der Schwerkraft brachte. Mittlerweile dürfte er angesichts der doch beachtlichen Zeitspanne etwas braun an der Druckstelle geworden sein, jedoch sollten wir uns nicht weiter daran stören, sondern uns lieber dem Mathematik-Unterricht widmen.

Der Unterricht findet dort des Öfteren in einem futuristisch anmutenden Klassenzimmer, genannt Musterklassenzimmer, statt. Beim Eintritt fühlt man sich, als wäre man der Enterprise zugestiegen und per Warp-Antrieb in die Zukunft gereist. Vielleicht ist aber auch nur der Kontrast zu den gewohnten, sarnierungsbedürftigen (ein Euphemismus für Abrissreif?) Klassenzimmern ausschlaggebend für diesen Eindruck und Zeitreisen sind doch nicht möglich. Da ist sich die Politik noch nicht ganz einig.

Vor lauter Zeitreisen werde ich ganz hungrig. Sie vermutlich ebenfalls. Während Sie sich etwas zu Essen besorgen, klingelt es bei mir zur Pause und ich werde das Gleiche tun. Da sich in meiner Büchertasche allerdings nur das Salamibrot vom Vortag befindet werde ich mich zum Hausmeister begeben. Nachdem ich mich erfolgreich vorgedrängelt habe (ich nenne es positiv formuliert „Oberstufenbonus“) und ein respektables Schnitzelbrötchen zu einem vernünftigen Preis erworben habe (Auswahl, Qualität und Preis der Speisen des Hausmeisters sind über jeden Zweifel erhaben) überlege ich, wie ich am besten den Rest meiner Pause verbringe. Das Angebot des Hausmeisters ist zwar Anfangs vielfältig, schrumpft jedoch aufgrund der hohen Nachfrage innerhalb von Minuten auf Brezeln und Donuts zusammen. Mit einer Mensa könnte man mehr Schüler mit hochwertigem, warmem Essen versorgen und so gleichzeitig positiv auf die Ernährung der Kinder einwirken. Ich hoffe, ihr Essen hat ihnen zugesagt, ich für meinen Teil bin mit meinem Schnitzelbrötchen fertig und muss mich nun entscheiden, ob ich die Pause lieber im stickigen und überfüllten Kollegstufenzimmer oder in der nicht weniger überfüllten Aula verbringe. Sitzgelegenheiten sind hier und dort Mangelware. Ehe ich zu sehr darüber nachdenke ist die Pause auch schon vorbei und es geht wieder in den Unterricht.

Sport steht auf dem Stundenplan. Das mag bei manchen mehr, bei manchen weniger Begeisterung auslösen, da ich jedoch meist zur Fraktion „mehr“ gehöre, mache ich mich voller Freude und Tatendrang auf zur Halle. An der für teures Geld (stimmt das angesichts niedriger Leitzinsen der EZB eigentlich noch?) neu gebauten Deluxe-Turnhalle, in der der Parallelkurs unterrichtet wird, geht es schnurstracks vorbei in die ehemalige (oder auch einfach alte) Halle der Realschule, da unsere eigene Halle einer Baustelle gleicht (Möglicherweise weil sie eine ist, was Baustellen angeht ist Gemünden ja noch nicht gut genug versorgt). Der beim Öffnen der Tür austretende Geruch treibt spätestens jetzt das letzte Quäntchen Vorfreude auf den Sportunterricht aus den Schülern (womöglich könnte uns das einer der Chemie-Lehrer näher erläutern), sofern sie nicht schon bei der Einschulung das Weite suchte. Na dann, auf in den Kampf! Vorbei geht es an maroden Wänden hin zu Sportgeräten, die mit roten Stickern übersäht sind, welche einem freundlich empfehlen, die Geräte nicht zu benutzen, wenn man die Halle lebend verlassen möchte. Dem Datum nach zu urteilen könnte Turnvater Jahn persönlich die Warnungen angebracht haben, aber es scheint die Lehrer nicht zu stören. Womöglich sind sie des Lesens nicht mächtig, oder sie sind einfach stolz darauf, mit solch historischen, gar antiken Stücken zu arbeiten. Ich glaube mich zu erinnern, irgendwo auf den Geräten etwas von den Olympischen Spielen (den antiken, wohlgemerkt) gelesen zu haben, vielleicht ist es auch nur der Geruch, der mir zu Kopfe stieg. Wie auch immer.

Den Unterricht unfallfrei überstanden steht nun die verdiente Mittagspause an, bevor der ganz alltägliche Schulwahnsinn seinen weiteren Lauf nimmt. Die verbringt man am besten außerhalb der Schule, was wegen den Nahen Kulturstätten genannt Bahnhof, Dönerladen und Netto-Markt sehr gut möglich ist. Wer dort nicht fündig wird kann spätestens wieder in der Schule am mannigfaltigen Verkauf des Hausmeisters (oder vielmehr was davon übrig ist, meist sind es um diese Uhrzeit nur noch kalte Brezeln und Donuts) seinen Hunger stillen und so gesättigt und ausgeruht den restlichen Schultag antreten.

Nach der Mittagspause steht Deutsch auf dem Stundenplan. Das Thema ist Goethes Faust, im Besonderen die Stelle, an der Gretchen Faust fragt, wie er es mit der Religion halte. Diese Frage ist keineswegs obsolet, im Gegenteil, genau in dieser Situation müssen wir den Staat fragen: „Wie hältst du’s mit der Religion?“ Kann denn eine kirchliche Schule ein Ersatz für eine staatliche sein? Ist das in einer säkularen Gesellschaft überhaupt denkbar, dass sich der Staat hier vom Faust zum Gretchen macht?

Ähnlich philosophisch geht es in Englisch weiter, nur dass sich dieses Mal Shakespeare zu Wort melden darf, so wahr es die Herren der Politik erlauben. „To be or not to be“ – „Sein oder Nichtsein“, das wird in Zukunft die Frage am FLG sein. Sollte die Antwort „Not to be“ sein, so geht Gemünden eine seiner letzten verbliebenen Institutionen verloren. Soll man einer ohnehin strauchelnden Stadt sein letztes Standbein rauben? Das wäre wie einem Gelähmten Kind den Rollstuhl zu klauen, aber in einem Punkt sind Politiker und Meth-Junkies gleich: Wenn man Geld für was Neues braucht, raubt man zur Not auch mal die eigene Oma aus. Oder in diesem Fall die Kinder. Nicht weniger schlimm.

So, jetzt aber genug von der Oma, der Schultag neigt sich dem Ende. Als letztes Fach steht Informatik auf dem Stundenplan. Ach wie? Gibbet nischt? Oh, naja, das Kultusministerium hat vom “Neuland” so viel Ahnung wie Uli Hoeneß vom Steuern zahlen. Irgendwann man gehört, aber nicht für wichtig gehalten.

Dann wäre hier wohl Feierabend. Ach warte, da war ja nochwas . Das wäre ja unerhört wenn es nach der Schule noch sowas wie „Freizeit“ gäbe. Also bis morgen, beim ultimativen alltäglichen Schulwahnsinn.

Ich hoffe Sie konnten einen Eindruck von meinem Schulalltag gewinnen und erkennen, warum es trotz der nötigen Sarnierungsmaßnahmen dringend notwendig ist das FLG zu erhalten.

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